Die Apostrophe der Liebe
Eine Vortragsreihe über andere politische Räume für zeitgenössischen Tanz und Performance
Könnte die Liebe – unaussprechbar wie sie ist – noch als politische Ressource gelten? Als Ressource für Mit-Teilung, für ein geteiltes Zwischen? Die Liebe als bedingungslose Apostrophe (= Ansprache) des Anderen? Als bedingungslose Adressierung, die keineswegs die Distanz zum Anderen neutralisiert, vielmehr gerade über die markierte Leerstelle, den Apostroph, das Auslassungszeichen Ansprache ermöglicher?
Ist „die Liebe als Ereignis der Freiheit“ (Jean-Luc Nancy) zu denken, sofern sie Mächte und Präsenzen als vakante, ausgelassene zeichnet? Müssen wir dann, „beunruhigt vom Denken der Liebe“, so Nancy, „die Verteilung oder die Partitur vorausgesetzter ‚öffentlicher’ und ‚privater’ Sphären sowie die Bestimmung des ‚Politischen’ selbst von Grund auf überdenken“? Gerade aufgrund der Grundlosigkeit der Liebe, in deren Aporien wir erst unsere Singularität antreten?
Vortrag von Marcus Steinweg (D)
APORIEN DER LIEBE
Fr 22.Okt.
18.00 h in TQW / Studios
(Eintritt frei)
Zur Liebe gehört eine Präzision, die ihrer Blindheit geschuldet bleibt. Man liebt nicht aus guten Gründen, eher beginnt man auf eine Unbestimmtheit zu setzen, die die Kontingenz der Begegnung mit der Blindheit der Entscheidung und der Inkommensurabilität des Anderen vereint. Kontingenz, Blindheit, Inkommensurabilität konstituieren die Indefinität einer Liebe, die ohne Garantien auskommen muss. Statt den Anderen auf die Egoität zu reduzieren, verneint sie die Möglichkeit solcher Reduktion, indem sie seine Andersheit als Überschuss begreift.
Vortrag von Jean-Luc Nancy (F)
Rühren, Berühren, Aufruhr
Sa, 6. Nov.
18.00 h in TQW / Halle G
(Eintritt frei)
Allein ein getrennter Körper kann berühren. Ein Körper, von anderen getrennt. Sein Rühren, seine Mobilität, seine Gespanntheit nach Außen, sein Tanz - punktuell und vibrierend zugleich - kündigt die Begegnung an: als Kontakt. Der Kontakt annulliert die Separation nicht, im Gegenteil. Mein ganzes Wesen ist Kontakt, mein ganzes Wesen ist berührt/berührend.
Die erste Bedeutung des Wortstamms ruhr war Liebeslust und sexuelle Lust. Das Spiel und der Rhythmus des Taktilen sind das Rühren eines Begehrens, vielleicht das Begehren selbst. Denn gibt es ein Begehren, das nicht das Rühren, die motion/émotion begehrt?
Vortrag von Katherina Zakravsky (A)
Beliebigkeit oder die Liebe als Ereignis
Fr 10. Dez.
18.00 h in TQW / Studios
(Eintritt frei)
Obwohl die “Liebe” zu den beliebtesten Tauschmitteln der zeitgenössischen Gesellschaft gehört, folgt sie doch einer sehr engen Definition. So glaubt man landläufig zu ihr gehörten zwei, und diese zwei mögen einer Spezies angehören, allerdings von verschiedenem Geschlecht sein. In der Geschichte des Denkens aber, also da, wo man es am wenigsten erwartet, ist die Liebe unter dem Titel des „Eros“ Einsatz in einem kosmischen Spiel.
Jean-Luc Nancy sah die Liebe als das „Unmögliche“; ich will sie als Ereignis beschreiben, das zwischen Reichtum und Armut je eine Welt eröffnet, in der wir uns intelligent bewegen können. Ereignis, Spiel, Bewegung – diese im zeitgenössischen Tanz zentralen Begriffe werden also zu ihrer eigenen Überraschung von der Liebe durchquert.
Diese Vortragsreihe über andere politische Räume für zeitgenössischen Tanz und Performance wird monatlich während der Saison 2010/2011 weitergeführt.
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